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Ein Plädoyer für die schlechte Form

Dieter Rams um 1975 in seinem Büro der Braun Gestaltungsabteilung, Archiv Dieter Rams

"Guten Geschmack muss man lernen…" Dieter Rams um 1975 in seinem Büro der Braun Gestaltungsabteilung, Archiv Dieter Rams

 

DK Newcomer:Ein Plädoyer für die schlechte Form
von Simon Frambach

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars “Design theoretisch” unter der Leitung von Birgit S. Bauer im SS2011 an der Kunsthochschule Kassel. Der Autor Simon Frambach war derzeit im 4. Fachsemester des Studiums des Produktdesigns. In seinem Kurzessay notiert er in knapper Sprache die Ambivalenz zwischen Respekt und Ohnmacht angesichts des Rams’schen Ethos und lässt anklingen dass Rams zum Sinnbild für das Dilemma der Gestaltung geworden ist.

Dieter Rams – ein Archetypus des Produktgestalters. Dieter Rams reduziert, abstrahiert, macht lesbarer, kleinschrittig und alltagsnah. Und das auf eine für jedermann anschauliche und nachvollziehbare Art und Weise. Warum waren die Taschenrechnertasten nicht schon immer nach oben erhaben? Ein Blick in Dieter Rams persönliches Büro offenbart: Er umgibt sich scheinbar ausschließlich mit seinen eigens gestalteten Möbeln und Geräten.

Ein Blick in eines der zahlreichen jüngeren Interviews zeigt: Dieser Mann verkörpert nach fast 60 Jahren des Schaffens immer noch den einen Ethos: den Ethos des Designs durch Funktionalität.

Mit anrührender Bescheidenheit treten immer noch die selben Wahrheiten über die Gute Form zutage. Ein Produktgestalter, der eine wahnsinnige Kontinuität über viele Jahrzehnte hinweg durch sich selbst verkörpert. Der auf alle Fragen des Designs schon immer Antworten parat hat. Und sich dabei, in seiner ganzen Karriere, nie einen überflüssigen Schritt, nie eine übertriebene Geste, eine überschwängliche Lebhaftigkeit in seinen Produkten erlaubt hat. In diesem Sinne verkörpert Dieter Rams immer noch eine Form des rationalistischen Industriedesigns, wie es wohl nur im Nachkriegs-Deutschland der 50er Jahre entstehen konnte.

Dieser Dieter Rams hat die 80er Jahre völlig unbehelligt überstanden. Als Memphis sich um 1988 allmählich fertig ausgetobt hatte, konstatierte er erstmal seine 10 Regeln des guten Designs. Von Ästhetik, Ehrlichkeit, und Unaufdringlichkeit ist da die Rede – deutsche Tugenden eben. Dieter Rams hat die Entwicklungen um die Postmoderne und das junge deutsche Design wie ein weiser Herr beobachtet, als habe er gewusst: “Irgendwann kommt der Funktionalismus wieder”.

Inzwischen ist es die Jugend, die den Nachhall eines Rams’schen Designethos in Form von Apples Produkten wiederentdeckt. Das deutsche Nachkriegsdesign kommt dem Weltmarkt gerade genau richtig, um ein vergleichsweise teures Hightech-Produkt bescheiden und nach “Less and More” aussehen zu lassen. Apples pseudo-asketische Produkte finden ihren Reiz durch nun mehr 60 Jahre alte Gestaltungsprinzipien.

“Guten Geschmack aber muss man lernen, der ist nicht angeboren” gibt Dieter Rams in einem Interview der FAZ im Mai 2010 zum Besten. Hier winkt die gute Form. Man könnte sich nun fragen, ob es sich beim eigenen Geschmack um etwas Gefühltes handelt, oder um etwas, das sich durch die Beschäftigung mit einem Sachverhalt und seinen Regeln mühsam angeeignet werden muss.

Wenn von Dieter Rams’ Designethos immer noch etwas lebendig ist, dann ist es wohl die Idee,  Artefakten unserer Zeit etwas Konstantes, Unumstößliches, Gesetzmäßiges anzubringen. Im heutigen Produktdesignverständnis herrscht immer noch an vielen Stellen Konsens darüber, was zeitloses, wahres Design ist. Von universeller Qualität und von einer erhabenen ornamentlosen Aura soll es sein. Von perfektem Einklang aus Form und Funktion ist oft die Rede. Es geht um die ewige Suche nach “dem” Design, um blanken Designabsolutismus.

Indem Dieter Rams zehn Regeln für gutes Design aufstellt, zeigt er uns, dass es nicht genügt, wenn gutes Design bloß gefällt, es soll auch aus den richtigen Gründen gefallen.

Von besonderem Interesse sind hierbei die folgenden Regeln, die geradezu symptomatisch für die (immer noch quicklebendige) Designhaltung der 50er Jahre sind:

Gutes Design ist ehrlich

Gutes Design ist unaufdringlich

An diesen zwei Regeln kann man sich nur stoßen. Was ein Design zu einem guten Design macht, wird hier nur durch ethische Werte, durch eine lobenswerte Haltung identifiziert.² Dieter Rams asketisch anmutende 10 Regeln bieten keineswegs einen neutralen Grund für rationales Bewerten, viel mehr zeugen sie von einer Situation, in der ein Produkt bestimmten menschlichen Tugenden nacheifert.³ Und diese einseitige Haltung ist dann gutes Design, oder eben die Gute Form.

Wenn Dieter Rams mit seinen 10 Regeln eines erreicht hat, dann einen engen moralischen Rahmen für Objekte zu kreieren.

Überhaupt, wer sagt was ehrlich ist? Wann ist ein Stuhl ehrlich?
Wer legt fest, ab wann ein Möbel zu aufdringlich ist und damit nicht als gutes Design bezeichnet werden kann? Wenn das Möbel grelle Farben hat? Von geschwungener Form ist?

Die heutigen Arbeiten junger Designer verkörpern selten eines dieser überkommenen Ideale. Sie transportieren ein ganz anderes Selbstbewusstsein und haben ihre eigenen Regeln. Oder eben gar keine. Und das ist auch gut so!

Wer die Gute Form anstrebt, muss zwangsläufig vor dem drohenden Geschmack der Allgemeinheit resignieren. Zu massenhaft sind die Verirrungen. Ach, wenn doch nur alle die wahre Qualität erkennen könnten!

 

Simon Frambach

 



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Kommentare
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Beiträge : 8
    Gepostet: Pascal am 7 November 2011

    Die schlechte Form ist nicht etwa das Experiment, das Regeln hinterfragt und neues wagt. Das Experiment ist noch viel mehr als die Entwürfe von Rams, Ive, Fukasawa, Morrisson, etc. darauf angewiesen, dass der Benutzer/Betrachter nachdenkt. Die schlechte Form, das sind jene “unehrlichen” Produte, die hinter einer dünnen Schicht Chrom den billigen Kunststoff verbergen wollen, die Regeln nicht brechen, um eine neue Perspektive aufzuzeigen sondern um den Käufer kurzzeitig zu blenden. Unehrliche Produkte und die “schlechte Form” zeichnen sich dadurch aus, dass sie einem Hinterfragen nicht standhalten, weil sie Effekthascherei betreiben. Die Aussage, Design solle aus den richtigen Gründen gefallen, ist denn auch keine elitäre sondern eine allgemeingültige. Kann es wahre Wertschätzung ohne Verstehen geben? Um Entwurfsqualität zu verstehen, reicht es übrigens schon, in einer Hand ein iPhone 4 und in der anderen ein Konkurrenzprodukt von Samsung/LG/Sony zu halten. Wie viel besser fühlen sich echtes Metall und echtes Glas an! Was Stühle angeht: Das letzte große gelungene Designexperiment auf diesem Gebiet war der Panton Chair. Das ist jetzt 50 Jahre her (und zitiert Entwürfe, die bald 100 Jahre alt werden!). Das zeigt: Es braucht nicht mehr oder weniger Experimente sondern mehr überlegte Experimente, reflektierte Regelbrüche. Da kann es nicht schaden, wenn man die Größen der Vergangenheit im Hinterkopf hat.

    Hierzu eine Bemerkung aus der Welt der Zeichen:. Auch “Echtheit” im Material kann als Zeichen die Bedeutung wechseln. Z.B. Schuhe. Gestern noch waren Schuhe aus Gummi und Kunstleder minderwertig. Heute schon sind sie “vegane” Schuhe und daher ziemlich teuer.
    Oder was wäre dann mit Objekten, die nur ihrer Zeichenfunktion wegen existieren, wie z.B. Parfümflakons oder andere Luxuswaren?

    Gepostet: Sascha Brossmann am 17 November 2011

    Abgesehen davon, dass ich «vegane» Produkte nicht selten für unreflektierten Gewissenskitsch halte: die heutigen «künstlichen» Textilien sind mit denen von vor ein paar Jahrzehnten z. T. qualitativ kaum noch zu vergleichen. Eine Umwertung der Materialien ist m. E. insofern nicht nur auf einen Bedeutungswandel der Zeichen zurückzuführen, sondern kann *zusätzlich* auch aus dem Ding an sich heraus begründet werden. Zumindest gingen die qualitativen Fortschritte beim Material dem moralisch motivierten Bedeutungswandel eindeutig voraus. (Zusammen mit der Verwendung von Kunstfasern im Bereich der Mode, siehe in der Hinsicht z. B. Prada & Co.)

    Bezüglich der Flakons: *nur* ihrer Zeichenfunktion wegen existieren diese in ihrer jeweiligen Form nicht. Primär aus ästhetischen Gründen schon eher. Ich möchte hier aber z. B. die sinnlichen Aspekte der Handhabung (sic!) keinesfalls ausgeblendet wissen. Abgesehen davon könnte man auch fragen, welcher Art Luxus Parfums denn sind. Luxus im Sinne von «nicht zwingend zum Überleben notwendig» sicherlich. Aber das trifft auf den Großteil der uns umgebenden Dinge zu.

    Gepostet: designkritik Autorenteam Bauer/Birlenbach/Okraj am 21 November 2011

    Mein Kommentar bezog sich auf @pascal, dessen Argument von der “Echtheit” von Materialien oder Authentizität. Deshalb wollte ich das Augenmerk einmal in Richtung Zeichencodes (auch taktile) wenden. Wenn @Pascal von “Effekthascherei” spricht, ist wahrscheinlich die Welt des Luxus ein anschauliches Beispiel, ohne dass die Produkte deshalb weniger glaubwürdig wären.
    Ja, und danke für den Hinweis dass die Kunstfaser von heute ja kaum noch etwas mit dem perlon und dralon von früher zu tun hat. Dennoch: mir geht es um die Botschaft der Schuhe und immer noch um das Argument der “Echtheit” bei @Pascal.

    “…Effekthascherei betreiben. Die Aussage, Design solle aus den richtigen Gründen gefallen, ist denn auch keine elitäre sondern eine allgemeingültige. Kann es wahre Wertschätzung ohne Verstehen geben? Um Entwurfsqualität zu verstehen, reicht es übrigens schon, in einer Hand ein iPhone 4 und in der anderen ein Konkurrenzprodukt von Samsung/LG/Sony zu halten. Wie viel besser fühlen sich echtes Metall und echtes Glas an! “

    Gepostet: Van Bo Le-Mentzel am 4 März 2012

    Zum Iphone vergleich: Ich persönlich liebe mein iPhone. Aber ganz ehrlich: Man kann damit nicht so gut telefonieren und auch nicht so gut SMS schreiben. Und mit demSynchronisieren der Kontaktdaten habe ich mein Vertrauen verloren.
    Aber trotzdem finde ich es toll. Glas und Aluminium sind tolle Materialien, aber haben ihren Preis. Und der ist alles andere als demokratisch. Leider ist deswegen ein Apple-Produkt nicht weniger ein Brandbeschleuniger des Konsums und feuert somit auch die Wegwerfkultur an. Ich habe nichts gegen Kunststoff. Die Fiberglasversion des Eames Plastic Chairs ist grandios. Meiner Meinung nach ist das Gerede über Design ein wenig zu sehr überbewertet. Hört Euch mal an, wie Architekten ständig über die Rolle der Architektur diskutieren oder Politiker über Politik. Das habe ich bei Klempnern oder bei Krankenschwestern noch nicht gesehen, dass sie ständig dem Gas Wasser Scheiss huldigen oder die Pflege hochpreisen. Doch im Ernst: Die machen vielleicht einen wichtigeren Job als wir für die Lebensqualität. Manchmal wünsche ich mir diese Lockerheit auch in unseren Gilden.

    Gepostet: Simon Frambach am 4 März 2012

    Eigentlich finde ich es gerade das Schöne am Design, dass die Begrifflichkeiten, die Ambitionen und die Beweggründe für den Beruf ständig im Wandel sind und vielleicht deswegen so wenig Stillstand zulassen. Ich finde daran ist gar nichts “überbewertet”, ich denke, das ist einfach das Wesen dieser Tätigkeit.
    Schau dir mal an, wie sich die Kunst ständig neu erfindet, wie hitzig es da zugeht und mit welchem Eifer alle Programmatik immer niedergerissen und neu aufgebaut wird. Verglichen damit sind die Diskussionen im Design eine Kleinigkeit.
    Außerdem kann man nicht einfach so die Relevanz völlig verschiedener Berufsgruppen gegeneinander abwägen. Woran lässt sich denn ermessen, wie hoch der Beitrag welcher Berufsgruppe für Lebensqualität ist? Und wie wird diese überhaupt verstanden?
    Vor Allem vor dem Hintergrund, dass das Design heutzutage nur noch teilweise überhaupt versucht, konkrete Alltagsprobleme der Lebensqualität zu lösen. Die gängigen Blogs und Messen leisten da Zeugnis.

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