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Gratwanderungen eines Kreativen – Problema, ein Film von Ralf Schmerberg

Der Schaffende wird häufig von seiner Berufs-Ethik – vorausgesetzt er ist sich dieser bereits bewusst – herausgefordert: Dürfen wir als Kreative ein Doppelleben führen, weltverbesserisches Handeln in der Dienstleistung propagieren und gleichzeitig unseren Über-Konsum von den Schultern der Unterbezahlten stemmen lassen? So leicht uns die Mouse-Hand die Lösungen für die Probleme unserer Region zaubern lässt, so sehr sind wir auf die Schwielenhände der Dritten Welt angewiesen, um zu den Antworten gelangen zu können. Oft und immer noch unbewusst streifen wir alle Eigenverantwortung von uns, unwissend über die Kausalität der Sachverhalte und Verschaffen uns immerhin höchstens ein gutes Gefühl, etwas für den Anderen getan zu haben, wenn wir den Fair-Trade-Kaffee dem herkömmlichen bevorziehen. Das kann aber nicht alles sein! Kann man als Kreativer im Hamsterrad auch mal einen kurzen Ausstieg wagen, ohne alle Kunden zu verlieren, sich aufstellen, hinterfragen, auch mal „dagegen-sein“?

Der Filmemacher und Photograph Ralf Schmerberg gelingt der zeitlich begrenzte Ausstieg seit Jahren. Und er versteht mittlerweile die Gratwanderung unserer Branche mehr als gekonnt als Balanceakt zu umgehen: er verbindet beides zu Neuem, lässt das Weltverbesserische in dem -zerstörerischen sich steigern. Die Ethik der Branche ist bei ihm nicht aufgehoben, sie wird zur treibenden Kraft. So wird bei ihm die bewertende Schwarz-Weiß-Malerei redundant, die Graustufe dazwischen zu der Antwort. Mit dem Wissen aus der Werbebranche, der darin verankerten kollektiven Ästhetik des Mediums schafft er Filme, die fern der kurzweiligen Werbeberieselung angesiedelt sind: die eigenen Produktionen bewegen, hinterfragen, rütteln auf, bilden.

Schmerberg wird als einer der besten deutschen Werbefilmer bezeichnet: In seinem Portfolio finden sich über 200 Spots einiger der größten Majors unserer Neuzeit wieder. Doch dem Kommerz nicht gänzlich verschrieben, dreht der Autodidakt engagierte, ausgezeichnete Filme zu und über soziale Missstände und Nöte. So entstand als Fortführung des prämierten Dauerprojektes „dropping knowledge“ aus dem Jahr 2003 und seiner 112 köpfigen „Table of Free Voices“-Tafelrunde ein Projekt, das sich den existenziellen Fragen widmet: Wer sind wir und wo gehen wir hin?

Nach der Produktion aus dem Jahr 2007 „Trouble - Teatime in Heiligendamm“ stellt Schmerberg mit „Problema“ dem Publikum einen Film des eigenen Spiegelbilds vor: die Repräsentanten an der Tafelrunde aus 58 Nationen stellen sich der „Unmündigkeit und Sprachlosigkeit“ des 21. Jahrhunderts und suchen Antworten auf 100 facettenreiche Fragen aus denen 17 in “Problema” dokumentiert sind. So dreht sich die Diskussionsrunde um Themen, die uns alle angehen: Umwelt, Frieden, Gesundheit, Wohlstand, Zufriedenheit. Der Film fordert mehr Aktionismus, mehr Eigenverantwortung. Doch vor allem fordert es einen selbst. Unser zunehmendes Unwissen durch Überfluss der Informationen, unsere Müdigkeit, diese zu verarbeiten und auf das Wesentliche zu reduzieren, lähmt uns. Auch wenn der Film zu Beginn anmutet, die Stimmung eines Weltverbersserers mit erhobenen Zeigefinger wiederzugeben, schwenkt „Problema“ bereits nach wenigen Fragen gelungen in einen spannenden Informations-Krimi, der am Ende der Vorführung keinen kalt lässt. Die gut ausgewählten Gäste aus unterschiedlichsten Berufszweigen spannen einen weiten Bogen in ihren Antworten zur heutigen Courage, Kolonialismus, Religion oder dem nicht vorhandenen Frieden. Interessant dabei ist nicht nur der aktuelle Zeitbezug, sondern die Tatsache, dass diese Themen ohne Ausnahme nun seit fast vier Jahren immer noch ohne kleinste Abwandlung aktuell sind, die Antworten, so simple sie auch sein mögen, nicht ihre Anwendung gefunden haben und die Welt sich keiner der Lösungen der Probleme in den Jahren seit dem Treffen der Protagonisten genähert hat. Auch diese fortwährende Aktualität des Films macht ihn sehenswert, da die globalen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen nicht auf ein Verfallsdatum dieser Produktion deuten und so „Problema“ zu einer zeitgenössischen Filmlektüre machen. Frei von Kinovorführungszeiten veröffentlicht Schmerberg den Film online und stellt diesen zu freiem Download bereit. Dieser Distributionsweg soll auch hier eine „neue Grundhaltung“ propagieren und macht „Problema“ geschickt in sich geschlossen als Ganzes: von und an uns den Protagonisten des Hamsterrads adressiert und für alle ohne Ausrede zugänglich.

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Kommentare
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Beiträge : 6
    Gepostet: ber am 7 Januar 2011

    Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

    Ich habe den Eindruck, dass ist auch bei Herrn Schmerberg der Fall. Er ist einerseits Werbefilmer aber auch Initiator von Projekten, die sich mit genau den Problemen auseinander setzen, die seine Auftraggeber verursachen bzw. vorantreiben. U.a. arbeitet er für den Liebling der Globalisierung Kritiker Nike.

    Ich halte das nicht für eine “Gratwanderung” oder einen “Balanceakt” sondern eher ein Indiz für eine gespaltene Persönlichkeit. Aber da ist er nicht der Einzigste.

    So ziemlich jeder muss in diesem Wirtschaftssystem sein Wissen, seine Arbeitskraft zu Markte tragen und Handel damit treiben, um zu überleben.

    Ökonomische Freiräume sind rar und nur für Wenige zugänglich. Dies sind in der Regel staatliche oder durch private Initiativen geförderte Einrichtungen oder Maßnahmen. Die Mehrheit der Leute in Problema arbeitet merkwürdigerweise in genau diesen Bereichen.

    Es ist daher etwas unangenehm (anmaßend wäre zu hart) von Leuten, die relativ frei von Marktmechanismen ihr Geld verdienen können Hinweise zu bekommen, wie man sich zu verhalten hätte. Noch dazu von einem Regisseur, der seine Hände ebenfalls regelmäßig schmutzig macht.

    Egal, ob in der Öko-Branche oder bei den “bösen” Konzernen - es werden Waren produziert oder Services angeboten. Alle mal mehr oder weniger sinnvoll, alle mal mehr oder weniger Ressourcen schonend.

    Ich sehe die Lösung des Dilemmas in dem sich viele befinden nicht darin hin und wieder auszusteigen, um tolle weltverbesserische Projekte zu machen. Die Frage ist eher ob und wie ökonomische Freiräume/Entlastungen in diesem Wirtschaftssystem zu schaffen sind.

    Gepostet: Birgit S. Bauer am 10 Januar 2011

    …ich sehe das ähnlich - eventuell ist Hr. Schmerberg eher ein Beispiel für die Ambivalenz des ganzen Business. Ich bezweifle auch, dass Hrn. Schmerberg das interessiert - ich kannte vorher auch seinen Film POEM und schließe aus seinen Aktivitäten, dass es ihm eher um eine künstlerische Aktivität geht und weniger um irgendwelche Zeigefinger, die erhoben werden sollen.

    Vielleicht ist Hr. Schmerberg einer, der in seinem Handwerk aufgeht (wie so viele aus der Branche) und jede polarisierende Betrachtung führt so was wie einer CO2-Ausgleichszahlung für debile Werbespots. Die Werbung fühlt sich gar nicht mehr wie Werbung, sondern wie Nachrichten.
    Sehr kontroverse Sache mit dem Hrn. Schmerberg, da pflichte ich unserem Kommentator unbedingt bei.

    [bb@designkritik.dk]

    Gepostet: Michael Okraj am 12 Januar 2011

    warum ist es denn verwerflich, sich mit einem thema, wie diesem auseinanderzusetzen, weil man zuvor werbefilme gedreht hat? lassen wir doch bitte die kirche im dorf! ohne die bibel zu zitieren — das waere dann doch zu weit gegriffen — doch wir alle koennen uns von einer gemeinsam getragenen schuld der entwicklungen in unserer umgebung oder eben der welt, nicht freisprechen: wo faengt unsere toleranz denen gegenueber, die sich kritisch auessern und aufruetteln wollen, an? wir alle (beabsichtigte verallgemeinerung meinerseits!) predigen muelltrennung, gelben strom, solarenergie etc., halten uns aber selbst nicht an unsere vorhaben: wir lieben es, schnell mal zu einem termin zu fliegen, zum supermarkt mit dem auto vorzufahren, jedes lebensmittel saisonunabhaengig jederzeit kaufen zu koennen … sind wir denn da nicht per se auch kritik-unmuendig. NEIN!

    herr schmerberg hat einen film gedreht. in diesem zeigt er promis und weniger prominente menschen, die sich zu themen auessern. nicht mehr und nicht weniger. deren meinung ist nicht von oben herab. sie ist mal ernster, mal humoristischer. immer aber wohlbedacht, ohne den erhobenen zeigefinger. die kommentare sind zum teil eben in ihrer leichtigkeit, direktheit oder einfachheit das, was dem zuschauer in erinnerung bleibt.
    dieser film hat sicherlich keine revolutionaere intention inne. es ist ein beitrag mehr im infotainment bereich, wenigerein dokumentarfilm. da schmerberg aus der werbebranche stammt bzw sich dort verankert hat, sieht der film nun mal so aus wie es aussieht: gekonnt dramaturgisch aufgebaut, bewußt ueberraschend geschnitten, pointiert gemischt. dass die verkuerzte auswahl aus 100 fragen auf verknappte 17 gefallen ist, ist sicherlich auch ein zeichen dafuer, dass genau diese das potential hatten, mehr zu unterhalten und zu interessieren, als die restlichen 83.
    unabhaengig, wie gut, schlecht, wohlwollend oder manipulierend suggestiv ich den film finde, moechte ich davor warnen, menschen das wort verbieten zu lassen, die nun mal in den positionen sind, in denen sie sich befinden, nicht immer ein gleichgesinnter kann einem einen guten ratschlag geben, da bedarf es manchmal einen drastischen blick von aussen.
    nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird: PROBLEMA ist eine art “kunstprojekt”, lassen wir das nicht ausser acht. es ist eine disziplinen-gratwanderung eines menschen, der in allen welten zu hause ist. sowas soll es durchaus geben. wenn der schuster bei seinen leisten bliebe, waere die welt sehr rueckschrittlich! erst kommt das fressen, dann die moral? bitte mal hand auf’s herz. machen wir das nicht auch. bundeskanzerl adenauer interessierte bekanntlich sein geschaetz von gestren nicht. warum soll es nicht bei anderen aehnlich sein? wir sind doch alle nur menschen. herr schmerberg hat durch seine werbefilme seine arbeit getan. was er in seiner freizeit macht, ist ihm ueberlassen. zum glueck beschaefttígt er sich eben mit solcher thematik, und das ganz frei vom sponsorship durch die so oft verteufelten majors. oder waere es der logik folgend, user ber, wenn der film konsequent von NIKE produziert worden waere?

    http://www.galerie-herrmann.com/arts/schmerberg/vita.html

    Herr Schmerberg scheint somit einer der schwer fassbaren Gestalterpersönlichkeiten zu sein, aber auch repräsentativ für eine große Masse an Kreativen, die so oder in Varianten den gleichen Spagat vollziehen.

    Zur Info hier noch einmal aus dem Netz gefischt eine Vita.

    Gepostet: ber am 22 Januar 2011

    @ Michael:
    Ich sprach nicht davon, dass es verwerflich ist solch einen Film zu drehen. Mir ist nur die Psyche von Schmerberg schwer begreiflich.

    Die Glaubwürdigkeit seines sozio-kulturellen Anliegens leidet (aus meiner Sicht) durch seine Tätigkeiten für Großkonzerne, die ich für die Probleme mitverantwortlich mache.

    Mir sind Leute lieber, die Fairtrade Kaffee kaufen als jene, die mit großer weltverbesserischer Geste solche Veranstaltungen auf die Beine stellen.

    Die Sponsoren der Veranstaltung findest Du übrigens hier:
    http://www.problema-thefilm.org/#/credits

    Gepostet: Birgit S. Bauer am 24 Januar 2011

    Es wird immer ambivalenter: Schmerbergs Aktivitäten werfen den (sehr deutschen) Diskurs nach einer gesellschaftlichen Relevanz aller Formen von Kritik auf. Ist Kritik immer auch Gesellschaftskritik? So nach dem Motto: Kein richtiges Leben im Falschen…

    Ist Schmerberg jetzt ein doppelgesichtiger individual-liberaler Werbefuzzi oder einer, der eben das Fundraising ziemlich gut beherrscht? Bedingt sich beides?

    http://www.denkanstoesse.de/Kultur/182-Verschwendung%20als%20St%C3%BCtze%20der%20Gesellschaft%3

    Das Magazin “Denkanstöße” ist von einem “CO2-neutralen” Energieanbieter finanziert und beschäftigt sich mit Fragen wie Atomstrom, Verschwendung, Ethik usw.

    Eventuell sollten wir Schmerberg zu der Frage interviewen und das dann in der “denkanstöße” bringen.( )

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