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Helsinki…(small) World (big) Design

5,3 Millionen Menschen – 1,8 Millionen Saunen – 1 Word Design Capital 2012

Die Stadt ist zu Fuß zu durchqueren. Beschaulich spazieren die 588,941 Einwohner dahin. Von Rush-Hour keine Spur, selbst wenn nach der Uhr viel Betrieb sein müsste. Die Sauberkeit grenzt an Schweizer Verhältnisse. Nur 5,3 Millionen Finnen gibt es, etwas mehr als Berlin und Hamburg zusammengenommen. Der kleinen Dimension zum Trotz ist Finnland für viele ein Musterland des Design: Reiche handwerkliche Traditionen, gute Ausbildungsstätten und eine öffentliche Wertschätzung der bekannten finnischen Design-Marken. Fiskars, IIttala, Arabia, Marimekko und Artek heissen die bekanntesten Unternehmen aus Finnland. Elektronik-Riese Nokia hat übrigens als Gummistiefelfabrik angefangen, während Arabia und IIttala mit Porzellan, Keramik und Glas der Tischkultur verpflichtet sind. Fiskars kennt man weltweit für Schneidwerkzeuge und die bunten Marimekko-Stoffe werden weltweit kopiert.

Das so genannte “Wursthaus” - laut Einheimischen der Schandfleck Helsinkis

2012 soll Design in Finnland noch größer als sonst geschrieben werden, denn im kommenden Jahr trägt Helsinki den von der ICSID International Council of Societies of Industrial Design (Icsid) verliehenen Titel Design Capital of the World”. Dafür wollen die Finnen einiges tun: Ziel ist es, darzustellen, dass Finnland Design nicht nur als nette Formgebung versteht, sondern auch in Gebieten wie dem Social Design ganz vorne mit dabei ist.  “Embedding Design in Life” heißt das Motto für das Design-Jahr.

In Helsinki laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren “fast jeder Kreative ist beteiligt” hört man zum Thema WDC2012, gerade auf den vielen Veranstaltungen rund um die jetzt im September stattfindende Helsinki Design Week erkennt man sofort viele Gesichter wieder. Es geht familiär zu.

Think tank Finnland

Das bestätigt auch Tommi Laitio vom Thinktank demos.fi. “Wir sind momentan mit sehr vielen Aktionen für Finnland und Helsinki beschäftigt. Dabei sind wir auch immer mit Designern vernetzt.”  Tommi Laitio und sein Team beschäftigen sich mit Social Design – das ist nach unseren Begrifflichkeiten Systemdesign im besten Sinne. Weitgehend systemtheoretisch ist auch der Ansatz von demos.fi geprägt. Momentan stehen bei demos Projekte im Vordergrund, die sich mit dem Zusammenleben der Menschen beschäftigen. Wie kann der Wohnungsbau der Zukunft besser auf heutige Bedürfnisse zugeschnitten werden? Wie kann man alte Menschen besser integrieren? Solche und andere spannende Fragen sind das Arbeitsfeld des studierten Politikwissenschaftlers Tommi Laitio. Was am Social Design “Design” ist? “Wir arbeiten mit den gleichen Methoden”, sagt Laitio, “zum Beispiel mit einem frühen Prototyping. Die Wohnfragen erproben wir gerade in einem großen Studentenwohnheim. Dort kann man prima erforschen, welche Angebote überhaupt von den Bewohnern angenommen werden und welche gleich ausscheiden.” (Ausführliches Interview in Kürze auf www.designkritik.dk)

Tommi Laitio is really smart

Co-Working fürs Bildungssystem

Für Aussenstehende scheint absolute Einigkeit  der Finnen darüber zu bestehen, wie und ob man die Probleme der Zukunft angehen muss, so entschlossen wirken die Akteure, wenn es um Müll, Natur, Wirtschaft und Ausbildung geht. Finnland soll eines der besten Schulsysteme der Welt haben und durchaus treibt es einem die Schamesröte ins Gesicht, wenn man sieht, wie man hier Ziele definiert und umsetzt. “Wir geben ihnen das beste, was wir haben” bestätigt auch Jussi Hannula, project manager an der Design Factory der Aalto Universität, die nicht direkt in Helsinki, sondern im benachbarten Espoo verortet ist. Drei Hochschulen im Großraum Helsinki sind neuerdings zu einem großen Netzwerk zusammengeschlossen.  Teil der Umgestaltung sind die in unterschiedliche Plattformen gegliederten “Factories”: Design Factory, Media Factory und Service Factory. Sie stellen ein praxisorientiertes gemeinsames Lernen dar, das wohl eher einer Mischung zwischen Start-up und Jugendclub ähnelt und damit alle Voraussetzungen für einen zeitgenössischen Co-Working-Space erfüllt.

Voll ausgestattete Küchen, Besprechungsräume und Werkstätten, Rechner und Präsentationsgeräte und Ausstattung – all das wird gemeinschaftlich von den Studierenden verwaltet. Probleme mit Schwund und Vandalismus gibt es laut Management nicht – und es sieht auch nicht danach aus. Das Studium hier ist kostenlos, wie in ganz Finnland und die Uni hilft, sich als Start-up am Markt zu behaupten. Wer gründet, kann das im Schutz der Uni tun und die Infrastruktur weiter nutzen, was zahlreiche Büros in der Design Factory zeigen.

Hier wird studiert – Aalto Design Factory

Im Stimmungs-Vergleich zu deutschen Unis lässt sich sagen, dass wir es wohl an uns haben, dass das Studieren bei uns immer so eine Art Lebensprüfung beinhalten muss. Statt vertrauensvoller Hinwendung bekommen Studierende in Deutschland ja oft ersteinmal den Auslese-Hammer und dann den Ignoranz-Film gezeigt. Hier scheint die ganze Sache etwas lockerer und kollegialer zu sein, was man auch an den Teamräumen des Kollegiums sehen kann: Man macht sichs schön in Finnland und diese Wertschätzung von Gemeinsamkeit zeigt sich überall. Das Klischee des hohen Melancholiefaktors der Skandinavier zeigt sich nicht im Design. Inwiefern Brüche in dieser Gesellschaft mit gedacht werden, ließ sich einzig in Aki Kaurismäkis “Moskwa Bar” erahnen; obwohl die mittlerweile auch nur noch von Touristen (wie uns) besucht wird. Who is the pain in Finland’s ass?

5, 3 Millionen Finnen – 1 Woche Design Week

“To declare” – Die Ausstellung der Helsinki Design Week

Zur Eröffnung lud man in eines der alten Zoll-Lagerhäuser am Hafen. Kurator Kaj Kalin stellte die Ausstellung mit dem Titel “To Declare” dort zusammen. Sehr klein und bescheiden. Kalin versuchte mit aller Macht, eine Art “concerned Design” aus ganz Europa zu präsentieren, also: Medizinische Übungspuppen um Dritte-Welt-Babies zu retten, Glaskunst, die hilft, neue Nasen für Krebsopfer wachsen zu lassen und Geigerzähler in Eigenbau. Kultur-Mix im Bouroullec-Teppich Eine wirklich politisch gemeinte Schau, die leider so ganz en miniature wieder mal nicht gegen den dominanteren Shop ankam.

Im Rundgang durch einige Open Studios der finnischen Hauptstadt wieder familiäre Atmosphäre, z.B. beim Modelabel Kaksitvå, die mit Strickwaren schon einige Bekanntheit erlangt haben und beispielsweise auf der Berliner Bread and Butter gern gesehener Gast sind. Dieses Jahr, erzählen die jungen Frauen, haben Sie mehr produzieren lassen, um auf den großen Shows präsent sein zu können. Ein großes finanzielles Risiko für junge Designer. Gleichzeitig vertrauen sie ihre Produkte neuerdings einem Vertriebsbeauftragten an, für sie auch eine Menge Unsicherheit; denn wer weiß, wie die Produkte von ihm betreut werden?

Ob in Finnland alles rosig ist für den Design-Nachwuchs? – Es passiere schon viel, pflichtet Piia Keto uns bei: Internationale Programme und Ausstellungsförderung helfen dabei, sich zu etablieren. Für Kaksitvå lag das Problem in ganz anderen Bereichen: Sie produzieren in Finnland und suchen ständig Kontakt zum Handwerk. “Hier könnte das Match-Making von Organisationen wie dem Finland Design Forum besser sein” wünscht sich Piia, muss aber dann einschränkend zugeben, dass die von ihnen gesuchten traditionellen Handwerksbetriebe eben nicht mal eben gegooglet werden können, sondern vielleicht noch nicht mal E-Mail haben.

Einige Straßen weiter bei Laser Cut Studio und Titimadam, betrieben vom frisch nach Helsinki zugewanderten Briten Adam Rowe und seiner aus Finnland stammenden Partnerin Tiina Hakala, sieht man, mit wieviel Optimismus Helsinki als Vorlage für zeitgenössische Geschäftsmodelle fungiert. Über Helsinkis Start-Up und Designszene kann er nur das Beste sagen, auch weil seine Freundin die Buchhaltung auf Finnisch macht. Das Designer-Paar verdient seinen Lebensunterhalt mit Laser-geschnittenen Kunststoff-Anhängern unter dem Label TitiMadam. In der Zeit, in der die Maschine sonst still stünde, betreibt Adam sie mit Prototypen-Aufträgen aus der Helsinki-Kreativszene. Die Maschine, so Adam, hätte zwar den Wert eines richtig dicken Mercedes, es wäre aber für ihn das perfekte Geschäftsmodell. So bringt ihn nach Jahren der Routine in der Schmuckherstellung das Experimentieren im Prototypenbau wieder näher an das Design und die Designer, hat er doch selbst in London Design studiert.

Man kommt ins Gespräch, in Helsinki. Auch wenn wir gerne noch viel mehr gesehen hätten, haben wir einen Einblick in die Stimmung der überaus jungen Szene bekommen.

Fett: Die “Almost Open” Party anlässlich des World Design Capital-Titels

Almost Open

Party der World Design Capital Helsinki 2012. Weit draussen in den Lagerhallen im Hafen. Helsinki ist weitgehend von Wasser umgeben, oft kommt es auch von oben. Man hat sich nicht lumpen lassen und alle eingeladen, die Eröffnung zu feiern. Eine Feier wie jede andere eigentlich, ausser dass Finnland mit ausserordentlich gutem Essen überrascht.

Food Kultur in Finnland: Lokal und Bio, mindestens

Pop-Up Koch Antto Melasniemi gehört zu einer neuen kulinarischen Klasse Finnlands. Zuletzt gesehen in London wird der leidenschaftliche Koch, der daneben auch noch als Keyborder der finnischen Band HIM bekannt ist, auch im Rahmen der Design-Aktivitäten Helsinkis eine Rolle spielen. Er und sein Team experimentieren beispielsweise mit Solar-Kochern, die mithilfe von Parabolspiegeln die Töpfe zum Dampfen bringen. Bewusstsein über das Essen, die Herkunft und Qualität hat Finnland als seine Stärke erkannt und spielt sie auch in Gestalt einer Unzahl neuer Restaurants in der Hauptstadt aus.

Antto Melasniemi kocht mit sonnigem Gemüt und Sonnenenergie. Da macht auch Marti Guixe mit.

“Noch nie war es so einfach, in Helsinki ein Restaurant zu eröffnen”, erläutert auch der Repräsentant von Finlandia Vodka, als möchte er uns dazu auffordern, das jetzt mal schnell anzuleiern.  Die Stadt Helsinki hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Restaurantkultur in der finnischen Hauptstadt weiter voranzutreiben. Dazu gehören lokale Spezialitäten, wie Beeren, Wurzelgemüse und Kräuter, aber auch Fleisch und Fischgerichte, die eine hohe Qualität haben. Offenbar funktioniert das Konzept, denn in Helsinki gibt es tatsächlich mehrere 5-Sterne Restaurants. Finnische Qualität hin oder her – im Food-Segment regiert der Patriotismus. Teilweise zu recht, denn man ist wirklich überrascht, was die finnische Küche an Geschmackserlebnissen zu bieten hat. Andererseits dominiert im Supermarkt auch das pausbackige Gesicht der Folklore die Regale und by the way ist auch das Flaggschiff Finlandia Vodka längst an einen global Player verkauft.

Kauf mich! Food-Folklore im Supermarkt

Werbung und Wahrheit

“Leute, die hier Verpackungsdesign und Werbung machen, sind Drop-Outs aus anderen Bereichen” berichtet Ami Hasan, Leiter einer der renommiertesten und ältesten Werbeagenturen Finnlands, hasan & partners, im Gespräch. Denn in Finnland gäbe es keine einzige Advertising-Akademie. Spürbar wird das auch im Straßenbild: Helsinki hat angenehm wenig Werbepräsenz durch Plakate und Citylights. Ami Hasan erklärt aber auch, dass Finnland noch gar nicht so lange mitspielt im globalen Werbezirkus. Bis zum Niedergang des Ostblocks sei die Sowjetunion der beste Handelspartner gewesen, folglich rechnete man wirtschaftlich auch in 5-jahres-Plänen. Keine internationale Konkurrenz, kein besonderes Marketing. Finnische Produkte werden überwiegend für den überschaubaren finnischen Markt produziert. Deshalb wünscht sich der Werber mehr Qualität durch Konkurrenz in den Regalen. Denn was beispielsweise das Naming von Produkten angeht, treibt eine Pseudo-Weltläufigkeit in Form von Fantasienamen momentan ihr Unwesen. Eine Mode, auf die Hasan gerne verzichten würde. Die visuelle Unterscheidbarkeit von Produkten ist auch ein Problem, an dem noch gearbeitet werden muss.

Ami Hasan mit zwei seiner fleißigen Kollegen vor gewonnenen Awards

“Finnlands Inselstatus ist der Grund für diese Probleme” diagnostiziert der Agenturchef, als ob diese Phase noch andauern würde. In der Tat schiebt er sogar das hohe Ansehen finnischer Marken wie IIttala und Marimekko auf dieses Inseldasein. In der Isolation hätte man ein besonderes Bewusstsein und eine hohe handwerkliche Qualität erreichen können. Dennoch meint Hasan, dass auch Marimekko in Sachen Marketing globaler auftreten könnte, wenn das Unternehmen sich neuen Produktionsstätten und -methoden öffnen würde.  So gesehen hat Finnland als Markendach für Design die besten Voraussetzungen: Ein gutes Image. Daran arbeitete die Finnische Regierung sogar bis letztens mit kreativen Kommissionen, wie Ami Hasan berichtet. “Das 2008 erarbeiteteBranding Finnlands umfasst die Elemente sauberes Wasser, gute Schulen und das funktionierende Gemeinwesen. Dabei könnte man auch sagen, dass die Ostsee das dreckigste Meer der Welt ist und nicht genug dafür getan wird”, beschwert sich Hasan, der die Regierungskommission albern findet. Kritische Stimmen von einem Werber zu hören war zugegebenermaßen überraschend.

5,3 Millionen Finnen

und 19% Wahre Finnen. Seit den Wahlen im Frühjahr sitzen die rechtspopulistischen “Wahren Finnen” mit an der Regierung. Ein Rechtsruck, der laut Wahlforschung von “europafeindlich gesinnten männlichen Landbewohnern” ausgegangen sein soll. Die sozialdemokratisch geprägten Traditionsparteien sind ausser den Grünen sämtlich zur Koalition bereit, denn so Regierungschefin Kiviniemi, seien die Wahren Finnen zwar “sehr, sehr rechts angesiedelt”, aber deren “Programm nicht offen rassistisch”. (Spiegel)

Für Produkte wie diese hat finnisches Design einen guten Ruf: Aalto Vase

Im Alltag oder im Umfeld der Vorbereitungen Helsinkis zur World Design Capital 2012 machen sich diese Bewegungen nicht bemerkbar, andererseits ist der Titel der Welthauptstadt des Design auch nicht als Europäische Veranstaltung angelegt – der Titel soll weltweit seine Strahlkraft entfalten. Dennoch: Finnland ist und bleibt nach deren Motto “Embedding Design in Life” ein Land, das sich einen hohen Designanspruch zu eigen macht und damit auch die Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen meint. Nicht nur für mich hat Finnland in Sachen Design dank Aalto & Co. einen riesigen Vertrauensvorschuss. Mit der Ernennung zur “World Design Capital 2012” tischt das kleine Finnland mächtig auf; und ergreift die Chance als Showcase für Social Design, Open Design und Nachhaltigkeitskonzepte aufzutreten, auch für die europäischen Nachbarn.

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