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Wahrnehmung ist ein Kulturprodukt. Je besser man das erkennt, desto mehr kritisches Potenzial entwickelt man gegenüber seiner Umgebung. — Olafur Eliasson, http://www.zeit.de/2010/17/Interview-Eliasson

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Das Ende der Disziplinen

Wohin bewegt sich die Kunst? – Betrachtet man die Gegenwart, liegt die Antwort nah: in Richtung Angewandte! Oder ist es vielleicht doch andersherum?

Auf der diesjährigen Venedig Biennale präsentiert sich die Kunst in Gestalt(ung). Was im Deutschen Pavillon unter der kuratorischen Leitung von Nicolaus Schafhausen von Liam Gillick als Küchenpräsentation mit Haustier gezeigt wurde, sorgte nicht nur für Verwirrung beim Kunstpublikum, sondern hinterfragte die Disziplin Kunst. Ist die Darstellung einer aus Tannenholz gezimmerten Küche nun Kunst oder doch schon Design? Oder entsprachen die bisherigen Arbeiten von KünstlerInnen wie beispielsweise Isa Genzken und Martin Kippenberger viel mehr der Erscheinungsform Kunst als es Liam Gillicks Werk gelingt?
Kunst oder Design? – das ist schon lange nicht mehr die Frage. Die beiden Disziplinen, ob Angewandte oder Bildende, scheinen sich nicht nur anzunähern, sondern auch gegenseitig zu befruchten. Bei einem Blick in die Niederlande fällt es auf, dass zum Beispiel Designer wie Jeroen Verhoeven (Designergruppe: Demakersvan) und Maarten Baas bei der Produktion von limitieren Sammlerstücken einen anderen Weg gehen, als den, der Industrieproduktion. Das Credo der beiden Niederländer – die Freiheit des Entwerfens und statt Produktdesign, für die Massen zu entwerfen – haben sie sich zu dem Begriff Designkunst bekannt. Diese Bezeichnung wurde 2006 von Auktionshäusern ins Leben gerufen. Daher verwundert es auch nicht, wenn Verhoevens Cinderella-Tisch, ein aus Marmor bestehender computergefräster Tisch in Form einer Wischbewegung in Anlehnung an einen Barocktisch, von Promis wie Brad Pitt gekauft werden.
Sammler Harald Falckenberg vertritt die Meinung “Gutes Design muss wehtun, damit es auffällt”, und weiter „[Es muss] Begehrlichkeiten wecken.“ Beispiele aus der Designgeschichte wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten (Bauhaus versus Memphis), brachten zu ihren Blütezeiten bei weitem nicht die Summen ein, welche sie nun in die Kassen der Vintage-Furniture-Dealer einbringen. Sie waren auch nicht per se so erfolgreich dem Mainstream untergeordnet worden. Dafür ebneten sie durch ihre Aussage im Kontext der Designentwicklung den Weg für neue Sicht- und Herangehensweisen im Design. Diese materialisierten Ideen, nicht geplant als eine Geldanlage für Sammler, verdienen sich ihren konstant steigenden Marktwert selbst. Und das vom Verkauf zum Wiederverkauf. Die Anschaffungskosten für diese Objekte nähern sich den Preisen für Kunstwerke an.
Während sich die Experten der jeweiligen Disziplin über die richtige Begrifflichkeit streiten, scheint man sich zumindest auf einen Richtwert einigen zu können: den des hohen Kaufwerts – ob in Dollar oder CHF.
Marc Newsons „Lockheed Lounge“, eine Chaiselongue aus Polyester und Aluminiumsegmenten aus dem Jahr 1988, das letztlich bei dem Auktionshaus Philips de Pury in London für 1,1 Millionen Pfund versteigert wurde, erzielte bereits 1986 im Prototypenstadium 968.000 Dollar bei Sotheby’s. Somit nähert sich das zeitgenössische Design auch den Preisen nach der Gegenwartskunst. Aber die Transformation von einem Möbel in ein Anlageobjekt macht aus dem Gestalter noch keinen Künstler, hierbei handelt es sich eher um die Erhebung eines Designobjekts zum Statussymbol.
In Düsseldorf endete vor wenigen Tagen die im NRW Forum gezeigte Ausstellung „UFO: Grenzgänge zwischen Kunst und Design“. Dort präsentierten sich Kunst und Design demokratisch nebeneinander, bewusst ohne Zuordnung, dazwischen Zitate von Protagonisten der jeweiligen Disziplin zu der Frage: „Was ist ihre Definition von Design?“. Konstantin Grcic antwortete: „Ein Künstler versteht sich als Künstler, der Kunst produziert. Wir sind, glaube ich, alle Designer und verstehen uns als Designer, und was wir produzieren, ist Design, egal, ob es nur ein Mal  produziert wird, wie bei einem Einzelstück, oder zehntausend Mal.“ Auch diese zeitgenössische Überblicksschau weist auf, dass es auf den Betrachtungswinkel ankommt.
Zeitgenossen wie Volker Albus vertreten die Haltung, dass sich der Künstler dem Vokabular des Designers bediene und umgekehrt. Vergleichbar mit einem Baukastenprinzip? Entscheidend ist somit nur die klare Zuordnung der Person, ob Designer oder Künstler?
Man könnte es Experten, Journalisten und Käufern überlassen, wo sie das jeweilige Werk oder Objekt beheimaten wollen. Aber wenn nun das Design und die Kunst immer mehr zusammenwachsen, stellt sich die Frage, ob wir uns am Anfang vom Ende befinden, als sich die „Angewandte Kunst“ im Zeitalter der Industrialisierung von der „Bildenden Kunst“ löste?
Gibt das Design damit einen Anspruch auf, der im Gegensatz zur Kunst immer einen klaren Bezug zur Gesellschaft zulässt? Oder ist es nur unsere Definitionswut, die endlich Kategorien, Begriffe und Thesen verlangt? Design schwankte schon immer zwischen Ingenieurswesen und künstlerischer Methode.
Bleibt zu sagen, dass es Im Dschungel der Disziplinen immer Grenzüberschreitungen zwischen Kunst und Design gegeben hat. Gerade das Bauhaus entstand auch aus diesen Haltungen. Nicht jedoch aus den Kunst-Posen, die sich im Design-Galeriebetrieb auch abzeichnen. Vielleicht hat die Kunst den Nachteil, dass sie diese Posen nicht abschütteln kann und mit diffusen Allmachtsansprüchen nervt. Das Design hingegen kann sich immer auf sein „Kerngeschäft“ zurückziehen und daraus Direktive gewinnen, auch ohne den Bedeutungszwang der Kunst zu imitieren. Denn wenn man das Designobjekt aus dem White Cube ins Wohnzimmer verfrachtet, kann man darauf sitzen. Ob die Eigentümer von „Lockheed Lounge“ wohl einen Schonbezug auf dem Chaiselonge haben?
Somit verbleiben wir mit den Worten des amerikanischen Malers, Kunsttheoretikers- und Kritikers Ad Reinhardts: „Art is Art. Everything else is everything else.“

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